Artikelnummer
LXHENTPATHG
Autor
The Philosopher and the Housewife (hc)
Tarrasch, Nimzowitsch and the Evolution of Chess
392 Seiten, gebunden, New in Chess, 1. Auflage 2025
Siegbert Tarrasch and Aron Nimzowitsch could be called the two vainest chess players in history. This book tells the fascinating story of their lifelong rivalry. They clashed as personalities, as players and as chess writers, both searching for the truth in chess, but with very different perspectives.
Tarrasch is seen as the dogmatic theorist and, according to Nimzowitsch, didn't offer much more than the well-meaning advice of a housewife. Nimzowitsch is the philosopher, the designer of a complete ‘system’ that explains everything there is to know about chess to future generations of students.
Does chess history treat these giants fairly or are they mere caricatures? And what was the role of the third protagonist in this debate, Semyon Alapin, whom Nimzowitsch condescendingly called ‘an artist of variations’? These questions, and these different viewpoints, are at the heart of this in-depth investigation.
Hendriks offers a wonderful and often highly entertaining look at this great controversy. The many chess fragments nicely illustrate how our expertise has evolved in this turbulent period of chess history.
Willy Hendriks.(1966) is an International Master who has been working as a chess trainer for over thirty years. His bestselling book Move First, Think Later won the English Chess Federation Book of the Year Award in 2012. Hendriks has published two other widely acclaimed chess books, On the Origin of Good Moves (2020) and The Ink War (2022).
Tarrasch is seen as the dogmatic theorist and, according to Nimzowitsch, didn't offer much more than the well-meaning advice of a housewife. Nimzowitsch is the philosopher, the designer of a complete ‘system’ that explains everything there is to know about chess to future generations of students.
Does chess history treat these giants fairly or are they mere caricatures? And what was the role of the third protagonist in this debate, Semyon Alapin, whom Nimzowitsch condescendingly called ‘an artist of variations’? These questions, and these different viewpoints, are at the heart of this in-depth investigation.
Hendriks offers a wonderful and often highly entertaining look at this great controversy. The many chess fragments nicely illustrate how our expertise has evolved in this turbulent period of chess history.
Willy Hendriks.(1966) is an International Master who has been working as a chess trainer for over thirty years. His bestselling book Move First, Think Later won the English Chess Federation Book of the Year Award in 2012. Hendriks has published two other widely acclaimed chess books, On the Origin of Good Moves (2020) and The Ink War (2022).
| EAN | 9789083483344 |
|---|---|
| Gewicht | 860 g |
| Hersteller | New in Chess |
| Breite | 17,7 cm |
| Höhe | 24,6 cm |
| Medium | Buch |
| Erscheinungsjahr | 2025 |
| Autor | Willy Hendriks |
| Sprache | Englisch |
| Auflage | 1 |
| ISBN-13 | 9789083483344 |
| Seiten | 392 |
| Einband | gebunden |
| Name | New in Chess B.V. |
|---|---|
| Adresse | Rochdalestraat 4 a Alkmaar 1814 TH Niederlande |
| Internet | www.newinchess.com |
| nic@newinchess.com |
PRINZIPIENSTREIT
Der holländische Autor Willy Hendriks macht sich seit einigen Jahren daran, die Schachgeschichtsschreibung auf Widersprüche hin zu untersuchen. Seine Forschung hat schon einige Missverständnisse aufgedeckt, eingeschriebene Narrative korrigiert und den Diskurs verändert.
In seinem neuesten Buch The Philosopher and the Housewife widmet er sich den beiden großen Schachdogmatikern Tarrasch und Nimzowitsch, die ihren Theorienstreit, in der die klassische mit der hypermodernen Schachauffassung kollidierte, in unversöhnlicher Animosität austrugen. Ihr Konflikt beginnt schon 1904. Als beide ihre erste Partie spielen, beleidigt Tarrasch den jungen Nimzowitsch mit seiner Aussage, er habe nach zehn Zügen noch nie so klar auf Gewinn gestanden.
Hendriks zeichnet die Biografien seiner beiden Protagonisten nach, wobei ihm eine sehr gute charakterliche Schilderung gelingt, die den Theoriestreit von der menschlichen Seite beleuchtet. Auch wenn sich Hendriks bei aller Objektivität gelegentlich einen ironischen Ton nicht verkneifen kann, wenn Tarraschs Selbstbeweihräucherung oder seine abstrusen Entschuldigungen nach schachlichen Enttäuschungen den Bogen wieder einmal überspannen.
Dieser Streit war auch ein Streit der Eitelkeiten. Tarrasch, der unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt, aber als Arzt ein erfolgreiches bürgerliches Leben führte, und Nimzowitsch, ein neurotischer Eigenbrötler, der nie eine Familie gründete und sich ganz dem Schach widmete.
Hendriks will wissen, ob man alleine durch Regeln Lösungen für ein Stellungsproblem finden kann, wie es die Dogmatiker behaupten. Ob also in der Eröffnung grundsätzlich dieser oder jener Zug besser ist. Oder ob Erkenntnisse erst durch Analyse und die praktische Erprobung gewonnen werden. Eigentlich diskutiert Hendriks den Unterschied zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, wie er sich in Regeln und ihren Abweichungen manifestiert.
Im Zentrum seiner Erörterung stehen Tarraschs Dreihundert Schachpartien und Nimzowitschs Mein System. Hendriks fragt, warum diese Bücher so instruktiv waren und welche Wirkung sie auf die Zeitgenossen hatten.
Die Moderne Schachpartie von 1913 war ein sehr einflussreichstes Buch, aber Tarraschs Stellungsbewertungen sind sehr dogmatisch. Es gibt kein „vielleicht etwas besser“ oder „die Praxis muss zeigen“. Tarraschs Verdikt ist immer unumstößlich was das Werk laut Hendriks zu einem der kontroversesten Bücher der Schachgeschichte macht.
Tarrasch versuchte Steinitz‘ Gedanken weiterzuführen, aber dessen Idiosynkrasien auszusparen. In vielen Aspekten widersprach er seinem Vorgänger. Im Streit zwischen Steinitz und Zukertort darüber, ob der Isolani in der Damengambitstruktur schlecht oder gut sei, schlug sich Tarrasch z.B. auf die Seite von Zukertort. Tatsächlich präsentierte Tarrasch in seinem Buch eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse, so etwa hinsichtlich des Umgangs mit den Bauern.
Nimzowitsch sah dagegen Tarraschs theoretische Leistung nicht als Verbesserung der Erkenntnisse von Steinitz, sondern als eine Verwässerung. Hendriks Buchtitel geht zurück auf eine Aussage Nimzowitschs, dass Tarraschs Werke „Ratschläge für erfahrene Hausfrauen“ seien.
Hendriks wirft nebenbei auch einen Blick auf die Rivalität zwischen Tarrasch und Lasker sowie der These von der angeblichen psychologischen Spielweise Laskers. Befördert wurde diese Zuschreibung durch Réti und Hannaks Lasker-Biografie, die Hendriks als „one of the weirdest books in chess history“ bezeichnet. Hendriks verweist auf Hübner, der bereits Anfang des Jahrtausends diese Auffassung überzeugend widerlegen konnte. Eine Erkenntnis, die im englischen Sprachraum bislang noch wenig Verbreitung gefunden hat.
Nach dem Erscheinen der Modernen Schachpartie
und Nimzowitschs zwar kritischer, aber wohlwollenden Rezension, betrat Alapin, der schon zuvor mit Tarrasch in Streit geraten war, die Bühne. Er meinte, dass sowohl Tarrasch als auch Nimzowitsch die allgemeinen theoretischen Ideen über- und die konkreten Varianten unterbewerteten. Nimzowitsch kritisierte, dass Tarraschs Thesen nicht modern genug seien. Alapin meinte dagegen, Tarrasch wollte seine Varianten nicht verraten, weshalb das Buch hypermodern sei.
Die Wiener Schachzeitung wurde zur Plattform, auf der dieser Streit offen ausgetragen wurde, wobei die Animositäten bis hin zu Chefredakteur Marco reichten, der nicht gut auf Tarrasch zu sprechen war, weil der ihn einst in einem seiner Turnierberichte in schlechtem Licht dargestellt hatte.
Hendriks macht bei all diesen Streitigkeiten deutlich, dass Alapins Verdienst darin besteht, das erste Mal das Verhältnis von „konzeptioneller Theorie“ und „konkreter Variante“ explizit thematisiert zu haben. Ein Streit, der bis heute anhält, auch wenn mit den Engines das Konkrete die Oberhand gewonnen zu haben scheint.
Nimzowitsch empörte sich indes gegen Alapins Vorwurf und spöttelte, man glaube ernsthaft, seine Theorien widerlegen zu können „mit Varianten!!!“
Das Besondere an diesem Disput ist, dass Alapin, Tarrasch und Nimzowitsch wechselseitig Überschneidungen in ihren Ansichten haben, sodass Zustimmung und Ablehnung zwischen den drei Beteiligten hin- und herschwanken.
Alle Beteiligten an diesem öffentlich ausgetragenen Disput waren Exzentriker, die mit existentiellem Einsatz ihre Theorien wie Marktschreier „verkaufen“ wollten. Um die eigene Sichtweise zu stärken, war die Abgrenzung essenziell und der Widerstreit nützlich. Nimzowitsch macht in seinen Artikeln Tarrasch stets zum Angriffsziel, weil er damit die Vorzüge seiner eigenen Theorie am besten betonen konnte.
Doch Nimzowitschs System hat mitnichten alle Aspekte des Mittelspiels abgedeckt, allenfalls einen Teil davon. Tatsächlich ist dieses Buch sehr unsystematisch, weil sich Nimzowitsch auf nur acht Punkte beschränkt, von denen sogar zwei taktischer (und nicht strategischer) Natur sind.
Hendriks bewertet bei seinem Streifzug durch die Schachgeschichte auch andere wichtige Bücher jener Zeit. Für ihn war Steinitz‘ Modern Chess Instructor (1889) keine umfassende Darlegung eines Mittelspiel-Systems, wie es später durch Lasker insinuiert wurde, sondern allenfalls eine Präsentation einzelner kleiner Teile davon. Laskers Common Sense in Chess (1896), eine Sammlung von Lektionen, die Lasker in London 1895 gehalten hatte, ist eine Einführung in alle Facetten des Spiels. Tarraschs 300 Schachpartien und Die Moderne Schachpartie
waren die ersten recht umfassenden Abhandlung zur Schachstrategie in Form von Partiensammlungen. Aber Nimzowitsch war der erste, der versuchte, eine systematische Abhandlung über Mittelspielstrategie vorzulegen.
Auch Rétis Die neuen Ideen im Schachspiel von 1922 zählt zu den einflussreichsten Schachbüchern. Für ihn war die Periode nach Steinitz die Ära, in der die Technik perfektioniert wurde, eine Zeit des Stillstands. Seine Thesen wurden über Jahrzehnte tradiert insbesondere durch Euwe -, obwohl sie teilweise völlig falsch waren.
Die Bücher, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erschienen, waren so wegweisend und meinungsbildend, dass sie die Schachgeschichtsschreibung maßgeblich mitbestimmt haben, obwohl sie, wie Hendriks immer wieder betont, voller falscher Zuschreibungen sind.
Hinsichtlich der Eröffnungen haben sich die von Tarrasch vorgeschlagenen Systeme in unserer Gegenwart besser behauptet als die von Nimzowitsch und den Hypermodernen, die heutzutage selten von Top-Großmeistern angewendet werden.
Hendriks hat mit seinem Buch den damaligen Theorienstreit rekonstruiert und damit transparent und verständlich gemacht. Es ist ein vergnügliches Buch wegen des flüssigen Stils, der oft von einem ironischen Unterton getragen wird, als auch wegen der exzentrischen Protagonisten. Das Buch gibt Einblick in eine Zeit, in der man für seine schachlichen Ideen und Konzepte noch verbissen kämpfte.
Harry Schaack
KARL 2/2025
Der holländische Autor Willy Hendriks macht sich seit einigen Jahren daran, die Schachgeschichtsschreibung auf Widersprüche hin zu untersuchen. Seine Forschung hat schon einige Missverständnisse aufgedeckt, eingeschriebene Narrative korrigiert und den Diskurs verändert.
In seinem neuesten Buch The Philosopher and the Housewife widmet er sich den beiden großen Schachdogmatikern Tarrasch und Nimzowitsch, die ihren Theorienstreit, in der die klassische mit der hypermodernen Schachauffassung kollidierte, in unversöhnlicher Animosität austrugen. Ihr Konflikt beginnt schon 1904. Als beide ihre erste Partie spielen, beleidigt Tarrasch den jungen Nimzowitsch mit seiner Aussage, er habe nach zehn Zügen noch nie so klar auf Gewinn gestanden.
Hendriks zeichnet die Biografien seiner beiden Protagonisten nach, wobei ihm eine sehr gute charakterliche Schilderung gelingt, die den Theoriestreit von der menschlichen Seite beleuchtet. Auch wenn sich Hendriks bei aller Objektivität gelegentlich einen ironischen Ton nicht verkneifen kann, wenn Tarraschs Selbstbeweihräucherung oder seine abstrusen Entschuldigungen nach schachlichen Enttäuschungen den Bogen wieder einmal überspannen.
Dieser Streit war auch ein Streit der Eitelkeiten. Tarrasch, der unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt, aber als Arzt ein erfolgreiches bürgerliches Leben führte, und Nimzowitsch, ein neurotischer Eigenbrötler, der nie eine Familie gründete und sich ganz dem Schach widmete.
Hendriks will wissen, ob man alleine durch Regeln Lösungen für ein Stellungsproblem finden kann, wie es die Dogmatiker behaupten. Ob also in der Eröffnung grundsätzlich dieser oder jener Zug besser ist. Oder ob Erkenntnisse erst durch Analyse und die praktische Erprobung gewonnen werden. Eigentlich diskutiert Hendriks den Unterschied zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, wie er sich in Regeln und ihren Abweichungen manifestiert.
Im Zentrum seiner Erörterung stehen Tarraschs Dreihundert Schachpartien und Nimzowitschs Mein System. Hendriks fragt, warum diese Bücher so instruktiv waren und welche Wirkung sie auf die Zeitgenossen hatten.
Die Moderne Schachpartie von 1913 war ein sehr einflussreichstes Buch, aber Tarraschs Stellungsbewertungen sind sehr dogmatisch. Es gibt kein „vielleicht etwas besser“ oder „die Praxis muss zeigen“. Tarraschs Verdikt ist immer unumstößlich was das Werk laut Hendriks zu einem der kontroversesten Bücher der Schachgeschichte macht.
Tarrasch versuchte Steinitz‘ Gedanken weiterzuführen, aber dessen Idiosynkrasien auszusparen. In vielen Aspekten widersprach er seinem Vorgänger. Im Streit zwischen Steinitz und Zukertort darüber, ob der Isolani in der Damengambitstruktur schlecht oder gut sei, schlug sich Tarrasch z.B. auf die Seite von Zukertort. Tatsächlich präsentierte Tarrasch in seinem Buch eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse, so etwa hinsichtlich des Umgangs mit den Bauern.
Nimzowitsch sah dagegen Tarraschs theoretische Leistung nicht als Verbesserung der Erkenntnisse von Steinitz, sondern als eine Verwässerung. Hendriks Buchtitel geht zurück auf eine Aussage Nimzowitschs, dass Tarraschs Werke „Ratschläge für erfahrene Hausfrauen“ seien.
Hendriks wirft nebenbei auch einen Blick auf die Rivalität zwischen Tarrasch und Lasker sowie der These von der angeblichen psychologischen Spielweise Laskers. Befördert wurde diese Zuschreibung durch Réti und Hannaks Lasker-Biografie, die Hendriks als „one of the weirdest books in chess history“ bezeichnet. Hendriks verweist auf Hübner, der bereits Anfang des Jahrtausends diese Auffassung überzeugend widerlegen konnte. Eine Erkenntnis, die im englischen Sprachraum bislang noch wenig Verbreitung gefunden hat.
Nach dem Erscheinen der Modernen Schachpartie
und Nimzowitschs zwar kritischer, aber wohlwollenden Rezension, betrat Alapin, der schon zuvor mit Tarrasch in Streit geraten war, die Bühne. Er meinte, dass sowohl Tarrasch als auch Nimzowitsch die allgemeinen theoretischen Ideen über- und die konkreten Varianten unterbewerteten. Nimzowitsch kritisierte, dass Tarraschs Thesen nicht modern genug seien. Alapin meinte dagegen, Tarrasch wollte seine Varianten nicht verraten, weshalb das Buch hypermodern sei.
Die Wiener Schachzeitung wurde zur Plattform, auf der dieser Streit offen ausgetragen wurde, wobei die Animositäten bis hin zu Chefredakteur Marco reichten, der nicht gut auf Tarrasch zu sprechen war, weil der ihn einst in einem seiner Turnierberichte in schlechtem Licht dargestellt hatte.
Hendriks macht bei all diesen Streitigkeiten deutlich, dass Alapins Verdienst darin besteht, das erste Mal das Verhältnis von „konzeptioneller Theorie“ und „konkreter Variante“ explizit thematisiert zu haben. Ein Streit, der bis heute anhält, auch wenn mit den Engines das Konkrete die Oberhand gewonnen zu haben scheint.
Nimzowitsch empörte sich indes gegen Alapins Vorwurf und spöttelte, man glaube ernsthaft, seine Theorien widerlegen zu können „mit Varianten!!!“
Das Besondere an diesem Disput ist, dass Alapin, Tarrasch und Nimzowitsch wechselseitig Überschneidungen in ihren Ansichten haben, sodass Zustimmung und Ablehnung zwischen den drei Beteiligten hin- und herschwanken.
Alle Beteiligten an diesem öffentlich ausgetragenen Disput waren Exzentriker, die mit existentiellem Einsatz ihre Theorien wie Marktschreier „verkaufen“ wollten. Um die eigene Sichtweise zu stärken, war die Abgrenzung essenziell und der Widerstreit nützlich. Nimzowitsch macht in seinen Artikeln Tarrasch stets zum Angriffsziel, weil er damit die Vorzüge seiner eigenen Theorie am besten betonen konnte.
Doch Nimzowitschs System hat mitnichten alle Aspekte des Mittelspiels abgedeckt, allenfalls einen Teil davon. Tatsächlich ist dieses Buch sehr unsystematisch, weil sich Nimzowitsch auf nur acht Punkte beschränkt, von denen sogar zwei taktischer (und nicht strategischer) Natur sind.
Hendriks bewertet bei seinem Streifzug durch die Schachgeschichte auch andere wichtige Bücher jener Zeit. Für ihn war Steinitz‘ Modern Chess Instructor (1889) keine umfassende Darlegung eines Mittelspiel-Systems, wie es später durch Lasker insinuiert wurde, sondern allenfalls eine Präsentation einzelner kleiner Teile davon. Laskers Common Sense in Chess (1896), eine Sammlung von Lektionen, die Lasker in London 1895 gehalten hatte, ist eine Einführung in alle Facetten des Spiels. Tarraschs 300 Schachpartien und Die Moderne Schachpartie
waren die ersten recht umfassenden Abhandlung zur Schachstrategie in Form von Partiensammlungen. Aber Nimzowitsch war der erste, der versuchte, eine systematische Abhandlung über Mittelspielstrategie vorzulegen.
Auch Rétis Die neuen Ideen im Schachspiel von 1922 zählt zu den einflussreichsten Schachbüchern. Für ihn war die Periode nach Steinitz die Ära, in der die Technik perfektioniert wurde, eine Zeit des Stillstands. Seine Thesen wurden über Jahrzehnte tradiert insbesondere durch Euwe -, obwohl sie teilweise völlig falsch waren.
Die Bücher, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erschienen, waren so wegweisend und meinungsbildend, dass sie die Schachgeschichtsschreibung maßgeblich mitbestimmt haben, obwohl sie, wie Hendriks immer wieder betont, voller falscher Zuschreibungen sind.
Hinsichtlich der Eröffnungen haben sich die von Tarrasch vorgeschlagenen Systeme in unserer Gegenwart besser behauptet als die von Nimzowitsch und den Hypermodernen, die heutzutage selten von Top-Großmeistern angewendet werden.
Hendriks hat mit seinem Buch den damaligen Theorienstreit rekonstruiert und damit transparent und verständlich gemacht. Es ist ein vergnügliches Buch wegen des flüssigen Stils, der oft von einem ironischen Unterton getragen wird, als auch wegen der exzentrischen Protagonisten. Das Buch gibt Einblick in eine Zeit, in der man für seine schachlichen Ideen und Konzepte noch verbissen kämpfte.
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KARL 2/2025
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